Wie wird Erleben Leib?

Immunologie und Resilienz im Kindesalter

 

Liebe Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen!

"Use it, or lose it", ist eine gute angelsächsische Kurzfassung wichtiger Studienergebnisse moderner immunologischer Forschung. In einer im Februar 2011 erschienenen Publikation in der renommierten Zeitschrift "The New England Journal of Medicine" kommen Markus Ege et al. zu der Schlussfolgerung: " Children living on farms were exposed to a wider range of microbes than were children in the reference group, and this exposure explains a substantial fraction of the inverse relation between asthma and growing up on a farm." Angeregt durch die Ergebnisse, die in dieser Publikation zusammengefasst werden, vollzieht sich eine allgemeine Trendwende im Verständnis für das Immunsystem: Kompetenz wird in der konkreten Auseinandersetzung gewonnen. Nicht nur eine naturgerechte Auseinandersetzung mit so genannten Antigenen ermöglicht dem Immunsystem, gesundheitsfördernd zu lernen, sondern auch die Möglichkeit zu fiebern. Was bedeutet dies für eine so genannte "schulmedizinische" und was für eine komplementärmedizinische Betrachtung des Immunsystems?

Der naturwissenschaftlich orientierten Medizin verdanken wir Details über die Anatomie und Physiologie des Immunsystems: Häute als Schutzbarrieren, angeborenes, unspezifisches Immunsystem mit humoralen Mechanismen bakterientötender Substanzen (Lysozym, Komplementsystem, Interferone) oder auch zellulären Mechanismen der Phagozytose (Granulozyten und Makrophagen), erworbenen Immunität des spezifischen Immunsystems u.a. mit B-Lymphozyten und der Bildung von Antikörpern, mit hoch spezifischen T-Lymphozyten (so z.B. CD4- oder CD8-T-Lymphozyten) oder weit über 30 Interleukine können mittlerweile in ihrer Struktur und Funktion beschrieben werden. Die ärztliche Arbeit auf einer Intensiv- oder einer onkologischen Station ist ohne die Errungenschaften einer auf der naturwissenschaftlich basierten Immunologieforschung aufbauenden Pharmakologie gar nicht denkbar. Ungeachtet der Erkenntnisse der modernen Immunologie bleiben aber viele Fragen offen. Es wird für eine zukünftige, ganzheitliche Medizin wichtig sein, den Menschen nicht nur als ein Konglomerat biochemischer Prozesse zu betrachten. Die Dimensionen von Lebenskräften, von seelischen und geistigen Prozessen müssen genauso ernst genommen, studiert und analysiert werden wie die chemischen und physikalischen Vorgänge, um daraus therapeutisch tätig werden zu können.

Der Einfluss des Seelischen auf das Immunsystem ist mittlerweile wichtiger Gegenstand der Neuro-Psycho-Immunologie geworden bis hin zu der vielleicht banalen, aber folgereichen Entdeckung, dass allein Lachen das Immunsystem positiv beeinflussen kann. Von besonderer Bedeutung ist schließlich die Dimension des Geistigen. Eine ganzheitliche Medizin berücksichtigt somit nicht nur eine erweiterte Biologie (Heilpflanzen, Probiotika), sondern implementiert auch die Bedeutung der menschlichen Biographie: Die Frage "quo vadis" kann für jeden Menschen lange Zeit bedeutungslos im Hintergrund bleiben, sie bekommt sowohl durch akute, vor allem aber durch chronische Erkrankungen eine neue Bedeutung. Schließlich gehört die Salutogenese-Forschung zu den Aspekten einer erweiterten Immunologie: Was fördert Gesundheit? Ein Ergebnis dieser Fragestellung ist das Phänomen des Kohärenz-Gefühls, das Erlebnis des Verstehbaren, des Machbaren, des Sinn-Erfüllten.
Wir laden Sie herzlich zu einem Seminar ein, bei dem die Attraktivität einer erweiterten Immunologie in einem Dialog liegen wird, der sowohl die Ebene der Interleukine als auch die transzendentaler Interessen implementiert.

Im Namen des Vorbereitungskreises freut sich auf Ihr Kommen
Jan Vagedes